Humanitäre Plastische Chirurgie für São Tomé und Príncipe
Situation vor Ort:
São Tomé und Príncipe ist eine kleine, abgelegene Inselrepublik vor der westafrikanischen Küste mit rund 210.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die medizinische Versorgung ist stark eingeschränkt. Zentrale und nahezu einzige Versorgungsstruktur ist das öffentliche Krankenhaus, das Hospital Dr. Ayres de Menezes (H.A.M.) in der Hauptstadt. Für die gesamte Bevölkerung stehen dort rund 850 Betten und nur zwei regulär nutzbare Operationssäle zur Verfügung. Diese können aufgrund personeller und materieller Engpässe häufig nur für absolute Notfälle betrieben werden.
Spezialisierte chirurgische Leistungen sind lokal kaum vorhanden. Hochkomplexe Eingriffe erfolgen – wenn überhaupt – im Rahmen zeitlich begrenzter internationaler Hilfseinsätze. Eine eigenständige plastisch-rekonstruktive Versorgung existiert nicht. Patientinnen und Patienten mit schweren Verbrennungsfolgen, Narbenkontrakturen oder angeborenen Fehlbildungen bleiben daher häufig unbehandelt. Besonders Kinder sind betroffen, was langfristige Einschränkungen von Mobilität, Bildungschancen und sozialer Teilhabe zur Folge hat.
Die strukturellen Defizite werden durch einen ausgeprägten Fachkräftemangel verschärft. Politische Instabilität und erleichterte Arbeitsmigration, insbesondere nach Portugal, haben in den vergangenen Jahren zu einer kontinuierlichen Abwanderung medizinischen Personals geführt. Dies betrifft Pflegekräfte ebenso wie ärztliches Personal und wirkt sich unmittelbar negativ auf die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung aus.
Die vorhandene Infrastruktur reicht für eine kontinuierliche spezialisierte Versorgung nicht aus. Das Projekt stellt aktuell das einzige regelmäßige Versorgungsangebot an plastischer und rekonstruktiver sowie Handchirurgie dar.
Ziele:
Ziel des Projekts ist eine dauerhafte Verbesserung der plastisch-rekonstruktiven Versorgung in São Tomé und Príncipe. Im Fokus steht nicht kurzfristige Hilfe, sondern nachhaltige Wirkung.
Erreicht werden soll dies durch eine Kombination aus chirurgischer Direkthilfe, strukturellem Kapazitätsaufbau und enger Zusammenarbeit mit dem lokalen Gesundheitssystem. Operative Eingriffe, mit besonderem Fokus auf die Versorgung komplexer und chronischer Wunden, werden gezielt mit Aus- und Weiterbildung verknüpft, um vorhandene Strukturen zu stärken und fachliche Kompetenz vor Ort aufzubauen.
Der zentrale Ansatz besteht darin, chirurgisches Wissen nicht nur temporär bereitzustellen, sondern langfristig zu verankern. Wiederholte Einsätze, ganzjährige telemedizinische Verfügbarkeit, praxisnahe Schulungen, die Vernetzung verschiedener Akteure vor Ort und in Deutschland und die kontinuierliche Stärkung der Zusammenarbeit ermöglichen den Aufbau lokaler Ressourcen und fördern Eigenständigkeit über die Projektdauer hinaus.
Die Anzahl fachärztlich durchgeführter plastischer Operationen – mit einem Richtwert von durchschnittlich mindestens 30 Eingriffen pro Einsatz – ist der zentrale Indikator für das Teilziel der direkten operativen Versorgung der lokalen Bevölkerung. Vorgesehen sind mindestens zwei Einsätze pro Jahr.
Die Anzahl von Trainingseingriffen, durchgeführten Schulungen sowie der Grad an operativer Eigenständigkeit sind maßgeblich für das Teilziel des Kompetenzaufbaus. Ein wesentlicher Erfolgsindikator ist die Anzahl lokaler Ärzt:innen, die Hauttransplantationen selbstständig durchführen können. Diese Maßnahmen erfolgen fortlaufend.
Die Anzahl geschulter Operateurinnen und Operateure, der Nachweis sachgerechter Nutzung und Pflege des übergebenen OP-Instrumentariums sowie dokumentierte Übergabeprotokolle bilden die Indikatoren für das Teilziel der nachhaltigen Integration medizinischer Techniken und Geräte in der Partnerklinik. Die Übergabe erfolgt schrittweise und abhängig vom Lernerfolg des lokalen Personals.
Operative Einsätze
Zentraler Bestandteil des Projekts sind zwei- bis dreimal jährlich stattfindende plastisch-chirurgische Einsätze in São Tomé und Príncipe am Hospital Dr. Ayres de Menezes (H.A.M.). Das interdisziplinäre Team besteht aus plastisch-rekonstruktiven Chirurginnen und Chirurgen, Anästhesistinnen und Anästhesisten sowie OP- und Anästhesiepflegekräften. Der operative Schwerpunkt liegt auf funktioneller Wiederherstellung, u. a. bei Narbenkontrakturen, Fehlbildungen, Syndaktylien und chronischen Wunden, mit dem Ziel, Mobilität, Teilhabe und Lebensqualität zu verbessern. Sämtliche benötigten Materialien werden aufgrund der instabilen Versorgungslage vollständig aus Deutschland mitgebracht.
Patientinnen- und Patientenakquise und ambulante Sprechstunden
Die der Patientinnen und Patienten erfolgt über tägliche Sprechstunden am H.A.M. sowie über mobile Sprechstunden in entlegenen Gesundheitsstationen (Postos). Diese werden gemeinsam mit lokalem Personal durchgeführt und dienen gleichzeitig der Schulung in Wundversorgung und Nachsorge. Die Identifikation potentieller neuer Fälle zwischen den Einsätzen übernimmt die Projektleiterin vor Ort, Dr. Carvalho. Eine perspektivische Ausweitung der ambulanten Tätigkeit auf die Nachbarinsel Príncipe ist vorgesehen.
Schulung und Wissenstransfer
Der Wissenstransfer erfolgt praxisnah im Rahmen von 1:1-Trainings während der Operationen sowie durch strukturierte Fortbildungen in Chirurgie, Anästhesie, Hygiene und Wundversorgung. Ziel ist der schrittweise Aufbau lokaler Eigenständigkeit.
Telemedizinische Nachsorge
Zwischen den Einsätzen wird eine strukturierte telemedizinische Betreuung zur Nachsorge und fachlichen Beratung durchgeführt. Sie ermöglicht eine kontinuierliche Begleitung postoperativer Verläufe und unterstützt den nachhaltigen Kompetenzaufbau vor Ort.
Das Projekt zielt darauf ab, dauerhafte Strukturen in der plastisch-rekonstruktiven Versorgung in São Tomé und Príncipe zu schaffen. Im Mittelpunkt stehen der Aufbau lokaler fachlicher Kompetenz, die schrittweise Übernahme operativer Aufgaben durch das einheimische Personal sowie die verlässliche Nutzung medizinischer Ausstattung.
Durch wiederholte Einsätze, praxisnahe Schulung und kontinuierliche Begleitung werden Wissen und Verantwortung nachhaltig vor Ort verankert. Die enge Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Gesundheitssystem schafft Problembewusstsein bei wichtigen Akteuren und fördert die Fortsetzung aufgebauter Strukturen, besonders auf dem Gebiet der spezialisierten Wundversorgung, auch nach Projektende.
Ziel ist eine lokale plastisch-rekonstruktive Versorgung, die langfristig mit deutlich reduzierter externer Unterstützung auskommt.