Liebe Dipanwita Sarkar, herzlichen Glückwunsch zum Else Kröner Fresenius Preis für Medizinische Entwicklungszusammenarbeit 2025. Als Projektkoordinatorin haben Sie in Zusammenarbeit mit German Doctors e. V. das Projekt „Empowering Communities towards Health Orientation” entwickelt. Mit Hilfe von mobilen Kliniken, geschulten Gesundheitshelfern und umfassender Aufklärungsarbeit wird die medizinische Grundversorgung in den Sundarbans, einer der ärmsten und abgelegensten Regionen Indiens, verbessert. Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?
Dipanwita Sarkar: Ich arbeite als Programmmanagerin und Projektkoordinatorin für das ECHO Medical Project. Das Projekt wurde 2020 ins Leben gerufen und hat sich seitdem entsprechend den Bedürfnissen der Gemeinschaft weiterentwickelt. Dementsprechend hat sich auch meine Rolle verändert. Zu Beginn konzipierte und führte ich Schulungen für das Projektteam und die Community Health Volunteers (CHVs) durch. Neben der strategischen Planung und Überwachung konzentrierte ich mich auf den Aufbau einer zweiten Führungsebene.
Derzeit umfasst meine Arbeit sowohl Büroaufgaben als auch Projektüberwachungen vor Ort. Im Büro entwickle ich Schulungspläne, führe Trainings für Mitarbeitende durch, verfasse Fallstudien und Erfolgsgeschichten, pflege den Kontakt zu Finanzierungspartnern und erarbeite Strategien zur Ressourcenmobilisierung. Darüber hinaus konzipiere und implementiere ich Überwachungsinstrumente, die eine kontinuierliche Bewertung und Verbesserung des Projekts sowie des Teams ermöglichen.
Vor Ort führe ich zwei Arten von Besuchen durch. Die erste umfasst die Teilnahme an Veranstaltungen wie mobilen Kliniken, Aufklärungsveranstaltungen und Gemeindeversammlungen, um die Qualität der Umsetzung zu bewerten und Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren. Die zweite Art besteht aus zufälligen Treffen mit Betroffenen, bei denen ich Rückmeldungen und Bedürfnisse erfasse sowie bestehende Lücken dokumentiere.
Was hat Sie persönlich dazu motiviert, sich für die Gesundheitsversorgung in den abgelegenen Regionen der Sundarbans zu engagieren?
Dipanwita Sarkar: Während unserer Arbeit in den Sundarbans haben wir festgestellt, dass die Menschen in Bezug auf Gesundheit, Bildung und Lebensunterhalt benachteiligt sind. Sie waren in einem Teufelskreis aus Aberglauben, Drogenmissbrauch, finanzieller Unsicherheit, Kinderarbeit und Kinderheirat gefangen. Dabei war die Gesundheit der entscheidende Faktor: Eine schlechte Gesundheit schmälerte die Arbeitsfähigkeit der Menschen, reduzierte die Arbeitstage der Tagelöhner und führte zu finanziellen Verlusten sowie anderen sozialen Problemen. Obwohl es staatliche Dienstleistungen gab, konnten die meisten Menschen aufgrund der schwierigen geografischen Lage keinen Zugang zu ihnen erhalten.
Dies motivierte uns, uns auf das grundlegende Gesundheitsmanagement zu konzentrieren. Zwar konnten wir die Entfernung zu Krankenhäusern nicht verkürzen, jedoch gelang es uns, Krankheiten und Krankenhausbesuche zu reduzieren, indem wir gesundheitsbewusstes Verhalten förderten. Mithilfe der Daten aus den Gesundheitsuntersuchungen gelang es uns zudem, die Aufmerksamkeit staatlicher Stellen auf sich entwickelnde Probleme lenken. Durch die Ausbildung von freiwilligen Gesundheitshelfern (Community Health Volunteers, CHVs) konnten diese als lokale Führungskräfte agieren und dazu beitragen, ein gemeindefreundlicheres und zugänglicheres Gesundheitssystem aufzubauen.
Der Preis ist mit 100.000 Euro dotiert. Wofür werden Sie das Preisgeld verwenden?
Dipanwita Sarkar: Wir freuen uns, dass das Projekt seine Ziele nicht nur erreicht, sondern darüber hinaus auch weitere positive Ergebnisse erzielt hat. In vielen Dörfern, in denen Maßnahmen durchgeführt wurden, wurden die staatlichen Gesundheitseinrichtungen besser ausgestattet und bürgernäher gestaltet. Zudem wurde der Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu betonierten Straßen sichergestellt. Es bleiben jedoch Herausforderungen bestehen und das Entwicklungstempo ist von Dorf zu Dorf unterschiedlich.
Mit dem Preisgeld können wir weitere Gesundheitsprobleme angehen, wie beispielsweise die Prävention von Gebärmutterhalskrebs sowie Fragen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte. Außerdem können wir damit mehr unterversorgte Dörfer erreichen und unter Berücksichtigung der besonderen geografischen und demografischen Gegebenheiten der Sundarbans Untersuchungen zu Lücken in den staatlichen Gesundheitsdiensten durchführen. Darüber hinaus können wir die Zusammenarbeit und den Austausch mit den staatlichen Gesundheitsbehörden weiter intensivieren – zum Wohle der gesamten Bevölkerung.
Vielen Dank für das Interview!